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Mancher ist irritiert: Menschen mit geistiger Behinderung werden nicht betreut – sie sind es, die sich für andere engagieren.
Für Erika Schmidt vom „Netphener Tisch“ gehört ihr Ehrenamt ganz selbstverständlich zur Teilhabe am Leben in der Gesellschaft
Text Gisela Dürselen
Foto Theodor Barth
Anfangs verteilten sie Lebensmittel im kleinen Foyer des Lebenshilfe-Centers, mitten in der Altstadt von Netphen in Nordrhein-Westfalen. Das war 2006. Doch bald hatte das ehrenamtliche Team der Lebenshilfe so viele Kunden, dass der Raum zu klein wurde und der „Netphener Tisch“ (NETI) in die benachbarte Georg-Heimann-Halle umziehen musste. Jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat kommen seitdem vor allem alte Menschen und Alleinerziehende mit ihren Kindern. Wurst und Käse, Gemüse, Kuchen und Brot vom Vortag, Milch und Joghurt für eine Woche kosten bei NETI nur 50 Cent pro Person. Bundesweit verteilen Tausende von Freiwilligen bei den Tafeln gespendete Nahrungsmittel. Der Netphener Tisch aber ist etwas Besonderes: Die meisten, die hier ehrenamtlich arbeiten, haben eine geistige Behinderung. So wie Erika Schmidt und ihr Lebensgefährte Frank Langenbach.
Seit September 2007 gibt es das auf drei Jahre angelegte Projekt „Lebenshilfe aktiv“ der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Ziel des von Aktion Mensch und der Lebenshilfe-Stiftung „Tom Mutters” unterstützten Projekts ist die Förderung von Freiwilligenarbeit: sowohl für und als auch von Menschen mit geistiger Behinderung.
„Lebenshilfe aktiv“ sammelt vorbildliche Projekte und bietet eine Plattform zum Austausch von Erfahrungen. Darüber hinaus fördert „Lebenshilfe aktiv“ Netzwerke von Freiwilligen und initiiert selbst neue Projekte – kurz: Es sollen tragfähige Strukturen und viel Begeisterung für eine Idee geschaffen werden, die „Lebenshilfe aktiv“ besonders am Herzen liegt: Freiwilligenarbeit von Menschen mit geistiger Behinderung zu unterstützen.
Schnippeln für den guten Zweck: Helferinnen und Helfer bereiten für die „Volxküche“ in Netphen das Essen vor
Es ist Dienstag. Gut ein Dutzend Helfer von NETI treffen sich in der Halle. Im Freiwilligen-Team des Lebenshilfe-Centers arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Hand in Hand: Mit einem kleinen VW-Bus holen sie die Lebensmittel vom Kooperationspartner ab, der neun Kilometer entfernten Tafel in Siegen. Dann geht es ans Abladen, Sortieren und Umstapeln. Etwa 120 Menschen wollen bedient werden. Erika Schmidt kennt ihre Kunden schon und weiß, wer was braucht. Was sie aber wirklich zu verteilen hat, sieht sie erst dann, wenn der beladene Bus wieder vor der Tür steht.
Während Erika Schmidt die Kasse vorbereitet, putzt ihr Freund Frank Langenbach Gemüse: Für NETI-Kunden gibt es seit Januar 2009 außer Essen zum Mitnehmen auch eine warme und vor allem gesunde Mahlzeit. Der Mittagstisch entwickelte sich aus dem Netphener Tisch: Eine an Diabetes erkrankteNETI-Kundin verlangte eines Tages nach warmem Essen. Die Gruppe reagierte sofort und machte sich ans Probekochen für den Mittagstisch „Volxküche“. Im Januar 2008 war auf ähnliche Weise „Nepumuk” entstanden – eine Spielgruppe für alleinerziehende Mütter und Väter: Erika Schmidt war in der Georg-Heimann-Halle mit NETI-Kunden ins Gespräch gekommen, die sich, zusammen mit ihren Kindern, treffen wollten. Seitdem leitet sie jeden zweiten Samstag gemeinsam mit einer Sozialpädagogin die Spielgruppe. „Das hat sich niemand da oben ausgedacht. Die Leute selbst haben es sich überlegt”, erklärt Erika Schmidt den Erfolg der Angebote.
NETI, Mittagstisch und Spielgruppe haben mittlerweile Kreise gezogen: Viele Leute in der Stadt haben erkannt, dass das Team der Lebenshilfe effizient und zuverlässig arbeitet. Wenn eine Veranstaltung ansteht, fragt die Stadtverwaltung schon mal an, ob man sich beteiligen und helfen wolle. Dann assistieren die Freiwilligen beim Rockfestival, beim Sommerkonzert oder beim Kinderzirkus.
Quell-URL: http://www.menschen-das-magazin.de/gesellschaft/index.php