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Er liebt die Musik und er hat eine Mission. In einer eigenen Konzertreihe bringt Benedikt Lika Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.
Bevor Benedikt Lika mit einem neuen Stück vor sein Orchester tritt, übt der Dirigent die Partitur zu Hause.
Text:Paula Scheidt
Foto: Fabian Brennecke
Hätte man den Ärzten geglaubt, dann würde er heute weder sehen noch hören. Stattdessen macht es sich Benedikt Lika an diesem verregneten Nachmittag auf seiner Liege bequem, schiebt eine DVD in den Recorder und taucht in den Konzertsaal ein, wo 44 Orchestermusiker nach seinem Takt die Sinfonie Nr. 1 des russischen Komponisten Alexander Borodin spielen. Ein Juwel unter den klassischen Kompositionen. Die Musik lässt ihn alles andere vergessen, vor allem die Stolpersteine, die das Leben ihm in den Weg gelegt hat.
Zwei dünne Kabel verlaufen rechts und links seines Nasenrückens von den Brillenrändern hinunter zu den Nasenlöchern. Benedikt Lika ist 29 Jahre alt und mit der Stoffwechselkrankheit Mukopolysaccharidose auf die Welt gekommen. Er misst 110 Zentimeter, sitzt heute im Rollstuhl, seine Sehnen sind zu dehnbar, seine Wirbelsäule empfindlich, er bekommt zusätzlichen Sauerstoff. Durch das Brillengestell hindurch sind die Kabel mit der entsprechenden Flasche verbunden. Fast unsichtbar. Sein Bruder Maximilian hat die Konstruktion in den USA bestellt. „Mit der Brille sehe ich aus wie ein Finanzbeamter, das war leider das einzige Modell“, scherzt Benedikt Lika. Sich ernsthaft zu beklagen, liegt ihm fern. „Wenn man griesgrämig durch die Welt geht, dann hat auch niemand das Bedürfnis, mit einem in Kontakt zu treten.“
Von Geburt an wächst Benedikt Lika zusammen mit seinen drei gesunden Brüdern auf. Er hat einen kürzeren Atem als die anderen und wenn er weiter als 100 Meter laufen muss, beginnen seine Knie zu schmerzen. Aber er ist immer dabei, beim Schwimmen, beim Fußballspielen. „Seinen Brüdern ist Benedikts Behinderung gar nicht aufgefallen“, sagt seine Mutter. „Maximilian und Peter haben ihn einfach ins Tor gestellt und draufgebolzt.“ Die Eltern entscheiden, ihn in eine normale Schule zu schicken.
Das Familienleben der Likas wird begleitet von klassischer Musik. Im Wohnzimmer stehen Flügel und Notenständer, auf der Kommode liegen Partituren. „Meine musikalische Ausbildung hat mit der Geburt begonnen“, sagt Benedikt Lika. Die Mutter singt im Chor. Wenn der Vater, ein Opernsänger, seine Stücke einstudiert, liegen die Kinder unter dem Klavier und schlafen. Mit seinen Freunden inszeniert Benedikt Lika als Kind zu Hause Mozart-Opern. Die Rollen werden verteilt, eine CD eingelegt, die Nikolausperücke des Vaters aufgesetzt. Dann wird Playback gesungen. Ab seinem sechsten Lebensjahr erhält er Klavierunterricht, nachdem er seine Blockflöte in einem Wutanfall zerschmettert hat. Mit neun Jahren singt er als Sopranstimme bei den Augsburger Domsingknaben, einem weltbekannten Chor.
In der vierten Klasse drosselt ihm sein Leben die Geschwindigkeit. Benedikt Lika fährt an einem Winterabend mit dem Fahrrad nach Hause, da kommt ein Auto von links. Er bremst, die Straße ist regennass, der Reifen rutscht weg, das Rad kippt, der Knochen seines linken Oberschenkels bricht. Danach sitzt er zum ersten Mal im Rollstuhl. In den folgenden Monaten tun ihm die Knie weh, das Laufen fällt ihm immer schwerer. „Ich bin langsam in den Rollstuhl reingerutscht und irgendwann nicht mehr herausgekommen“, sagt er. Die Eltern bauen daraufhin das oberste Stockwerk des Einfamilienhauses aus. Lichtschalter und Türöffner in der richtigen Höhe, eine Badewanne, deren Vorderseite sich herunterklappen lässt, ein Aufzug, Parkett statt Teppichboden.
Benedikt Lika besucht ein musisches Gymnasium, die Klosterschule Sankt Stephan. Als das Klavierspiel seinen Rücken zu sehr belastet, wechselt er zum Schlagzeug. Bis zum Abitur spielt er außerdem als Solopauker im Sinfonieorchester des Gymnasiums. Dann studiert er in Augsburg Musikwissenschaft, Musikpädagogik, Kunstgeschichte und entdeckt das Dirigieren für sich. „Das Verantwortungsgefühl kannte ich bereits vom Paukespielen. Als Pauker und als Dirigent kann man alles zerstören und alles schön machen.“ 2007 besucht er die Wiener Meisterklasse bei dem berühmten Dirigenten Salvador Mas Conde. Nur die Besten werden hier aufgenommen. Beim Abschlusskonzert dirigiert er ein Orchester, das eigens aus Budapest eingeflogen wird, und erhält sein Meisterdiplom, den Ritterschlag zum Dirigenten.
Quell-URL: http://www.menschen-das-magazin.de/menschen/index.php?sid=b6f790ae91f2c8637590ff16b4ab658d