zum Inhalt zur Hauptnavigation

Metanavigation

Service-Funktionen

Diese Seite drucken Diese Seite weiter empfehlen Artikel als MP3-Beitrag anhören


Herausgegeben von der Aktion Mensch

Westernreiten, das hört sich für den Laien erst mal nach einem Sport für Lasso schwingende Draufgänger an. Seit 2008 gibt es in Deutschland den ersten und einzigen Verein für Westernreiter mit Behinderung. Wer die ParaWesternReiter einen Tag lang begleitet, der begreift, warum die ursprüngliche Cowboydisziplin ihnen so viel bedeutet

Elinor Switzer trägt einen schwarzen Cowboyhut und lächelt in die Kamera

Gut behütet: Elinor Switzer ist Mitbegründerin und Vorsitzende des ParaWesternReiten e. V.

Text Lisa Seelig
Foto Dörthe Hagenguth
Die Holzbrücke hat die achtjährige Fuchsstute Zippin eigentlich schon hunderte Mal gesehen, das letzte Mal gestern beim Training. Die flache Brücke liegt ganz harmlos auf dem Hallenboden und will überquert werden, aber trotzdem tut Zippin so, als stünde eine fliegende Untertasse mit blinkenden Alarmlämpchen vor ihr. Sie schnuppert nervös, tänzelt zur Seite, stolpert über das Holz. Elinor Switzer, ihre Reiterin, presst die Schenkel zusammen, so gut es ihr schwächeres linkes Bein zulässt, und treibt die Stute über die Brücke. Geht doch. Ihrem Gesicht merkt man an, dass sie momentan ein bisschen genervt ist.

Nach Elinor Switzer ist Birk Frerichs dran, er hat nur eine Greifhand, sein rechter Arm ist verkürzt, das rechte Bein endet oberhalb des Knies, er trägt eine Prothese, lenkt sein Pferd Doc also nur mit der Kraft einer Körperseite durch den Parcours. Nach ihm kommt Andreas Bake mit seiner zarten Schimmelstute Scarlett in die Halle. „So, dann lass mal die Beine sortieren“, hat er gerade noch auf dem Abreiteplatz zu seiner Helferin gesagt. Er benutzt keine Steigbügel, sondern lagert seine Beine vor dem Sattel, damit sie festen Halt haben und „verstaut“ sind. Er kann sie nicht benutzen, um Scarlett zu lenken. Wegen einer Stoffwechselkrankheit hat der 46-Jährige keine Muskulatur in den Beinen und sitzt im Rollstuhl.
Sieben Reiter sind für die „Para Walk Trot Trail“-Prüfung auf der Circle L Ranch in Wenden gemeldet, einem kleinen Dorf in Niedersachsen, umgeben von blühenden Rapsfeldern und roten Backsteindörfern. Beim Christi Himmelfahrt-Turnier finden auch zwei Prüfungen für behinderte Westernreiter statt.

Ein Mann, dem rechte Hand und Ellenbogen fehlen, sitzt im Sattel eines braunen Pferdes und treibt es über den Reitplatz

Warmreiten: Birk Frerichs bereitet sich mit Doc auf die Prüfung vor. Ihm fehlen der rechte Unterschenkel sowie die rechte Hand und Ellenbogen, beim Reiten trägt er eine Beinprothese

Beim „Trail“ müssen die Reiter mit ihren Pferden zum Beispiel einen Slalom um Tonnen traben und über am Boden liegende Stangen, außerdem müssen sie zwischen zwei Hindernissen rückwärts gehen – ganz schön mühsam sieht das aus. Und während man zuschaut, stellt sich unwillkürlich die Frage: Warum dieser Sport? Mutet man sich damit nicht zu den eigenen Einschränkungen noch die Anstrengung zu, abhängig zu sein von einem lebendigen, launischen „Sportgerät“?
Nach der Prüfung ist Zeit, diese Frage loszuwerden. Im kleinen Bierzelt, in dem man Bratwurst und Kuchen kaufen kann und in dem sich die Runde an einen der Tische setzt, froh dass die Anspannung und das Lampenfieber vorbei sind. Sie sind eine eingeschworene Gruppe, es wird gefrotzelt. Noch ist der Kreis der ParaWesternReiter überschaubar. Auf Turnieren trifft man immer wieder aufeinander, tritt gegeneinander an, ein bisschen Konkurrenzkampf ist da natürlich auch dabei, bei aller Freundschaft. „Ich hätte nicht sagen sollen, dass ich endlich auch mal eine rosa Schleife will, weil es so gut passt“, sagt Elinor Switzer und lacht, sie hält die rosafarbene Schleife, die es für den fünften Platz gab, an ihre Kappe mit dem rosa Innenfutter.

Quell-URL: http://www.menschen-das-magazin.de/menschen/index.php