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Seit Geld nicht mehr durch Gold gedeckt ist, hat es sich von jeder materiellen Grundlage losgelöst. Meint man. Doch das Geld ist bereits eine neue Bindung eingegangen. Der Mensch als fast unerschöpfliche Ressource sichert den Wert des Geldes.
So offen wie auf dem Markt für Sklaven werden die Geschäfte mit dem menschlichen Körper nicht mehr verhandelt. Jean Leon Gerome, Römischer Sklavenmarkt, 19.Jhd. (Foto: Walters Art Museum, Baltimore, USA/ Bridgeman Art Library)
Text Christina von Braun
Geld hat generative Fähigkeiten. Es erzeugt und produziert etwas: und dies nicht trotz, sondern wegen seiner Substanzlosigkeit. Das Geld kann materielle Wirklichkeit zeugen, weil es ein Abstraktum, ein Zeichensystem ist: „Man macht sich im allgemeinen selten klar, mit wie unglaublich wenig Substanz das Geld seine Dienste leistet“, schrieb Georg Simmel in seiner 1900 veröffentlichten Abhandlung „Philosophie des Geldes“. Im Geld feiere die Fähigkeit, „das Körperhafte zum Gefäß des Geistigen zu machen“, ihre höchsten Triumphe. Die Diskussion um das Zeugungsvermögen des nominalistischen Geldes [nominalistisch: nicht durch das Material bestimmter Wert, sondern lediglich durch die angebrachten Zeichen] spielte schon in seiner Entstehungszeit in der griechischen Antike eine wichtige Rolle. Aristoteles lehnte die Verzinsung von Geld ab, weil eine ungeschlechtliche Fortpflanzung widernatürlich sei. Doch Euripides lässt im „Hippolytos“ seinen Titelhelden von der Sehnsucht nach einer Fortpflanzung träumen, die ohne Frauen und durch das Geld bewerkstelligt wird: „O Zeus, was brachtest du ans Sonnenlicht die Frauen,/ ein heuchlerisches Übel für die Menschheit? Denn / gedachtest du den Stamm der Menschen fortzupflanzen, so brauchtest du das nicht durch Frauen zu gewähren,/ nein, brauchten nur die Sterblichen in deinen Tempeln/ für Gold, für Eisen oder schweres Kupfer sich/ die Sprößlinge zu kaufen, jeder für den Preis,/ der seinem Steuersatz entspricht, und könnten dann/ in ihren Häusern wohnen, frei, der Weiber ledig!“
Die Zeugungsfähigkeit des Geldes ist schon im Begriff des „Kapitals“ angelegt: Er leitet sich ab von lateinisch „caput“, der Kopf. Damit sind die Köpfe einer Herde gemeint; das Jungvieh stellt die „Zinsen“ dar, die dieses Vermögen hervorbringt. In der Antike befanden sich die Münzen Griechenlands und Roms in den Tempeln, die Fruchtbarkeitsgöttinnen wie Hera geweiht waren. Weil das Geld zeugungsfähig sein will, ist die Finanzwirtschaft durchsetzt von Begriffen für Fruchtbarkeit: Blut und Wasser zum Beispiel. Im 17. Jahrhundert verglich Hobbes im „Leviathan“ das zirkulierende Kapital mit dem Blutkreislauf des Staates, und im 19. Jahrhundert wird in Émile Zolas Roman „Das Geld“ die Börse zur „Pumpe“ erklärt, die den Blutkreislauf in Gang hält. So sagt es eine der Hauptfiguren des Romans, der Schwindler und Betrüger Saccard: „Begreifen Sie doch, die Spekulation, das Börsenspiel ist das zentrale Räderwerk, das Herz eines so großen Geschäfts wie des unseren. Ja, das Herz, das das Blut mobilisiert, es überall in kleinen Bächlein aufnimmt, sammelt, in Strömen in alle Richtungen zurückfließen läßt und einen ungeheuren Geldumlauf bewirkt, der das Leben der großen Geschäfte ausmacht.“
Zolas Roman ist noch immer eine der treffendsten Darstellungen der Erregungen und Irrationalitäten, die der Aktienmarkt und das Geld auszulösen vermögen. Um das Zentrum des Geschehens, der Börse – deren Architektur im 19. Jahrhundert, ob in London, Paris oder New York, immer den griechischen Tempeln nachgebildet war – finden die alten Rituale statt: Es wird geopfert, es wird gelitten, und Zola macht deutlich, dass sich die Gefühle der Menschen im Geldrausch nur mit Begriffen umschreiben lassen, die sich der Metaphorik des Geschlechtslebens verdanken: „Die Familie, die ich mir vorgenommen hatte zu studieren“, so schreibt er, „ist durch ein Überschäumen der Begierden gekennzeichnet“. Diese Begierden sind zwar vom Geld bestimmt, aber bezahlt werden sie in sexueller Währung. Von der Hauptfigur heißt es: „Er selbst hatte ja auch nie große Leidenschaften kennengelernt, weil er der Welt des Geldes angehörte, zu sehr beschäftigt war, seine Nerven anderweitig verausgabte und die Liebe monatsweise bezahlte. Wenn er, auf seinen neuen Millionen hockend, Verlangen nach einer Frau verspürte, dachte er nur daran, eine sehr teure zu kaufen, um sie vor ganz Paris zu besitzen, so als würde er sich einen sehr großen Brillanten schenken, um ihn sich lediglich aus Eitelkeit in die Krawatte zu stecken. Und war das nicht eine ausgezeichnete Reklame? Wenn ein Mann in der Lage war, viel Geld für eine Frau auszugeben, mußte er dann nicht ein klar erfaßbares Vermögen haben?“
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