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Wie ist es, ständig dichthalten zu müssen? Täglich Geständnisse und bedrückende Geheimnisse anderer Menschen zu verarbeiten? Oder diskrete Geschäfte am Rande der gesellschaftlichen Moral zu machen? Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen haben tagtäglich in ihrem Berufsleben mit Geheimnissen zu tun. Sie immer für sich zu behalten ist nicht einfach
Text Thomas Röbke
Foto Odile Hain
Nach der Beichte verschließt Pfarrer Johannes Pricker das Besprochene in einer Art „Geheimnis-Schublade“ in seinem Kopf
Johannes Pricker (52) ist Pfarrer der St.-Antonius-Gemeinde in Hamburg-Winterhude
Seit 26 Jahren bin ich Pfarrer. Ich war in verschiedenen Gemeinden tätig, Jugendpfarrer und Polizeipfarrer. Unser Beichtstuhl ist keine dunkle Kammer, wie man sie aus Krimis kennt. Eher ein kleines Zimmer, hell und luftig. Wer anonym bleiben will, kann das natürlich. Aber die meisten wünschen sich ein offenes Gespräch, gerne auch in meinem Gesprächszimmer.
Zwischen Oktober und März habe ich die meisten Beichten. Da kommt alles Mögliche zur Sprache bis hin zu Suizidgedanken. Die meisten, die zur Beichte kommen, sind zwischen 30 und 50 Jahre alt oder um die 70. Wenn es Einschnitte gibt im Leben, wenn die Lebensphasen überdacht werden, dann ist der Gesprächsbedarf am größten. Manche meinen, ich würde mich an ihre Beichte erinnern, wenn ich sie später irgendwo treffe. Dem ist nicht so. Es ist auch nicht meine Aufgabe, das zu behalten. Ich habe einfach das Wort der Versöhnung weiterzugeben.
Die Themen der Beichten reichen von der Gottesfrage und dem dazugehörigen Zweifel bis hin zu Beziehungsfragen. Es sind echte Gewissensfragen, keine Banalitäten. Sie haben nichts mit einem formalistischen Abarbeiten der zehn Gebote zu tun. Die Menschen tragen etwas mit sich herum, das für sie von einer hohen Dramatik ist und das sie loswerden wollen. Bei schweren Vergehen ist es mein Bestreben, eine Lösung zu finden, wie der Betreffende damit weiterleben kann oder wie er im zivilrechtlichen Sinn das Richtige tut. Das ist dann oft der entscheidende Anstoß, den der Betreffende noch gebraucht hat. Schweigsamkeit kann eine Tugend sein. Verschwiegenheit sowieso. Aber Verschweigen ist nie in Ordnung.
Dadurch, dass ich Einblicke in so viele Milieus hatte, ist mir nichts fremd und ich kann vieles einordnen. Aber ich bin mit der Seele tätig. Ab bestimmten Grenzen rate ich, sich auch an Fachleute zu wenden. Echte Probleme kann ich nicht wegbeten. Ich will auch nicht den Gottesbezug künstlich herbeireden, sondern ihn existenziell wahrnehmbar werden lassen.
Wenn mir Kinder und Jugendliche von belastenden Situationen daheim erzählen, darf ich damit natürlich nicht zu den Eltern gehen. Die Schweigepflicht gilt ohne Wenn und Aber. Angenommen, mir würde zu einer Lösungsfindung später noch mal etwas einfallen: Das Schweigegebot kann nur durch den anderen aufgehoben werden. Ich kann ihn nicht ansprechen und sagen: Mir ist noch das und das eingefallen. Ich glaube, ich habe eine Geheimnis-Schublade im Kopf, die ich gleich nach der Beichte verschließe. Und wenn ich mal jemanden sehe und mich doch mal an das Geheimnis erinnere, dann richte ich nicht darüber. Das Leben ist kompliziert, ambivalent. So zerbrechlich und verwundbar. Es ist nicht schwarz-weiß, sondern hat ganz viele Schattierungen. Deswegen muss man sehr vorsichtig sein mit Bewertungen.
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